Die Sommerferien rufen – und diesmal wollen Sie sich in Spanien nicht mit wildem Gestikulieren…

Von Monsterbanken, Chatbots und Minus-Auren: Was das Wort des Jahres über uns aussagt
Von Monsterbanken, Chatbots und Minus-Auren: Was das Wort des Jahres über uns aussagt
Was haben die Begriffe «Monsterbank», «Strommangellage» und «Impfdurchbruch» gemeinsam? Sie alle wurden schon einmal zum Schweizer Wort des Jahres gewählt. Wussten Sie, dass das Wort des Jahres nicht nur ein sprachliches Phänomen beschreibt, sondern auch viel darüber aussagt, wie die Schweiz tickt? In diesem Beitrag werfen wir einen Blick darauf, wie genau dieses Wort eigentlich zustande kommt, was es über uns als Gesellschaft aussagt und – last but not least – welche Herausforderungen solche Begriffe für uns Sprachdienstleistenden bergen.
Wer bestimmt eigentlich das Wort des Jahres in der Schweiz?
Die Wahl des Schweizer Worts des Jahres wird von einer Jury aus Sprachforschenden der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) durchgeführt, oft in Zusammenarbeit mit Medienpartnern. Das Ziel: ein Wort zu finden, das das Zeitgefühl und die gesellschaftlichen Themen des vergangenen Jahres besonders gut widerspiegelt. Die Kriterien für die Wahl sind überraschend vielfältig: Nicht nur Häufigkeit oder Originalität eines Wortes sind entscheidend, sondern auch seine Relevanz und Symbolkraft. Die Jury durchforstet Nachrichten, Social Media, Gespräche und andere Quellen, um Wörter zu identifizieren, die eine besondere Verbindung zum gesellschaftlichen Klima des Jahres herstellen. Wichtig ist dabei, dass das Wort nicht nur neu oder trendig ist, sondern auch eine Bedeutung trägt, die grössere Diskussionen widerspiegelt – sei es politisch, wirtschaftlich oder kulturell. Denn das Wort des Jahres soll nicht nur ein Sprach-, sondern auch ein Gesellschaftsphänomen sein.
Das Wort des Jahres als Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen
Das Wort des Jahres ist mehr als nur ein Sprachkonstrukt. Es zeigt, was uns als Gesellschaft im vergangenen Jahr bewegt hat. Begriffe wie «Chatbot» (2023, 2. Platz) stehen für aufkommende Technologien und neue Herausforderungen im Umgang damit. Auch Begriffe wie «Ghosting» (2023, 2. Platz) oder «Entfreunden» (2021, 3. Platz) benennen gesellschaftliche Phänomene, die eng mit der zunehmenden Präsenz digitaler Plattformen verknüpft sind. Die Wahl des Wortes des Jahres erlaubt also auch einen Einblick in unseren kollektiven Umgang mit Veränderungen und Herausforderungen.
Gibt es auch in anderen Ländern ein Wort des Jahres?
Das Wort des Jahres wird nicht nur in der Schweiz, sondern auch in anderen Ländern und Sprachräumen gewählt. In Deutschland kürt die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) seit 1971 das Wort des Jahres, das oft politische und soziale Trends in den Fokus rückt. Auch in der englischsprachigen Welt hat sich diese Tradition etabliert: Das Oxford English Dictionary wählt jährlich ein Wort, das das Jahr symbolisiert. 2022 war dies beispielsweise «Goblin Mode» – ein Begriff, der die Tendenz beschreibt, Normen und Erwartungen abzulegen und sich dem «inneren Faulpelz» hinzugeben.
In Frankreich führt das renommierte Wörterbuch Le Robert eine ähnliche Wahl durch, wobei die Begriffe oft gesellschaftliche Diskussionen aufgreifen. In Italien hingegen wurde «la parola dell’anno» erst in jüngerer Zeit als Tradition etabliert und ist meist von den allgegenwärtigen gesellschaftlichen Herausforderungen geprägt – oft durch Begriffe, welche die politische Lage oder wirtschaftliche Sorgen widerspiegeln.
Welche Schwierigkeiten entstehen bei der Übersetzung?
Ein Wort des Jahres lässt sich oft nicht ohne Weiteres in eine andere Sprache übertragen – selbst wenn es auf den ersten Blick einfach erscheint. Jede Sprache hat ihre eigenen kulturellen Nuancen und sozialen Kontexte, die es erschweren, die gleiche Bedeutung und Tragweite zu transportieren. «Monsterbank», das Schweizer Wort des Jahres 2023, ist beispielsweise so ein Fall: Es spielt auf die Übernahme der Credit Suisse durch die UBS an – eine wirtschaftliche Entwicklung mit weitreichenden Folgen für die Schweiz, die im Ausland womöglich nicht dasselbe Interesse geweckt hätte.
Die Herausforderung liegt darin, dass manche Begriffe nur im Kontext eines bestimmten Landes oder einer bestimmten Kultur Sinn ergeben. Begriffe wie «Chatbot» hingegen haben eine universellere Relevanz, doch selbst hier kann die gesellschaftliche Einstellung unterschiedlich ausfallen. Während ein Chatbot im deutschen oder englischen Sprachraum eher als technologisches Hilfsmittel gesehen wird, steht er in anderen Ländern vielleicht stärker im Kontext von Arbeitsplatzverlust und technologischen Herausforderungen.
Ein weiteres Problem sind Begriffe, die sich durch Wortspiele oder sprachliche Feinheiten auszeichnen. Das deutsche Jugendwort des Jahres 2024 «Aura» etwa bezieht sich auf eine Ausstrahlung, die eine besondere Konnotation haben kann – ein Charisma, das subtil und doch spürbar ist. In einer anderen Sprache würde man hier womöglich nach einem Begriff suchen, der die gleiche Mischung aus Mystik und Selbstbewusstsein ausdrückt – ein schwieriges Unterfangen, da jede Sprache ihre eigene Art hat, solche Konzepte zu umschreiben. Das Wort wird oft scherzhaft verwendet, auch als «negative Aura» oder «Minus-Aura», etwa bei einem peinlichen Fehltritt. «Ich dachte, es gibt keine Stufe mehr und bin gestolpert – minus 50 Aura!» wäre ein Beispiel dafür.
Tipp: Professionelle Übersetzende werden immer dem Kontext Rechnung tragen und darauf achten, die Übersetzung für Ihr Zielpublikum zu optimieren.
Fazit: Das Wort des Jahres ist ein Finger am Puls der Gesellschaft
Die Wahl des Worts des Jahres ist weit mehr als eine Spielerei für Sprachliebhabende. Sie reflektiert gesellschaftliche Trends und zeigt, was uns in unserer Sprache – und unserem Alltag – bewegt. Jedes Wort, das zum Wort des Jahres gekürt wird, ist ein kleiner Spiegel, der auf uns selbst gerichtet ist. Es erlaubt uns, unsere Sprache als dynamisches und lebendiges Werkzeug zu sehen, das ebenso wandelbar ist wie die Themen, die uns beschäftigen. Das Schweizer Wort des Jahres 2024 wird demnächst gewählt und uns neue Einsichten über das Leben in der Schweiz geben – und uns dabei helfen, die «Aura» des gegenwärtigen Zeitgeistes zu erfassen.
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